Symposium 2000
Lebensstil und Gesundheitsförderung - was ist zu erwarten?
Am Freitag, den 15.9. und am Samstag, den 16.9.2000 fand im Institut für Sport und Sportwissenschaften der CAU eine wissenschaftliche Tagung zum Thema "Lebensstil und Gesundheitsförderung - was ist zu erreichen ?" statt.
Die Veranstaltung wurde von Prof. Dr. H. Rieckert und Prof. Dr. J.P. Janssen (Institut für Sport- und Sportwissenschaften), Prof. Dr. M.J. Müller (Institut für Humanernährung und Lebensmittelkunde), Prof. Dr. K.D. Kolenda (Ostseeklinik Schönberg-Holm) und Dr. O. Mittag (Klinikum Holstein. Schweiz, Malente) geleitet und gemeinsam von der CAU sowie der AK Gesundheitsförderung durch Rehabilitation und Lebensstiländerung, der LAG Herz und Kreilslauf Schleswig-Holstein und dem Sportärztebund Schleswig-Holstein organisiert.
Das Thema der Tagung wurde in 8 Vorträgen aus Sicht der Sportmedizin und Sportwissenschaften, der Ernährungswissenschaft, der Medizin und der Psychologie diskutiert. Im folgenden werden die wesentlichen Aussagen der einzelnen Beiträge zusammengefaßt.
1
Herr Prof. Dr. W. Hollmann (Köln) betonte den unstrittigen gesundheitlichen Wert regelmäßiger sportlicher Betätigung. Diese sollte idealerweise frühzeitig im Leben beginnen und lebenslang beibehalten werden. Sport verbessert aber auch im Alter und auch bei bis dahin Untrainierten nachweislich die Gesundheit. Es ist also nie zu spät, mit dem Sport anzufangen. Dabei sind sowohl Ausdauer- als auch Krafttraining wichtig, da sie in unterschiedlicher Weise Herz- Kreislauferkrankungen vorbeugen und die Knochengesundtheit schützen.
2
Herr Prof. W. Kirch (Dresden) stellte verschiedene Möglichkeiten der Hochdruckbehandlung vor. Zur Zeit haben etwa ein Drittel der Erwachsenen einen Bluthochdruck. Es gibt heute wirksame medikamentöse Behandlungsansätze. Die spürbaren Nebenwirkungen der verschiedenen Medikamente (z.B. Müdigkeit) sind aber erheblich. Dieses erklärt, daß nur etwa 40% der betroffenen Patienten ihre Medikamente auch tatsächlich regelmäßig und zeitgerecht einnehmen. Für sie besteht mithin ein erhebliches gesundheitliches Risiko. Lebensstiländerungen (regelmäßige Bewegung, Körpergewicht normalsieren, mehr Obst und Gemüse, weniger Fett, moderater Alkoholkonsum, besserer Umgang mit Streßsituationen) sind eine wirksame und die entscheidende Behandlungsstrategie für Patienten mit einem Hypertonus.
3
Diese Einschätzung wurde auch von Herr PD Dr. Peters (Lübeck) unterstrichen. Das sog. Metabolische Syndrom ist heute die Stoffwechselerkrankung der Zivilisationsgesellschaften. Es ist durch die Kombination von Zuckerkrankheit, Fettstoffwechselstörung, Bluthochdruck, Atherosklerose und Gicht gekennzeichnet. Gemeinsames Bindeglied ist eine Störung verschiedener hormoneller Regelkreise. Eine optimale medikamnetöse Behandlung der Stoffwechselerkrankung gibt es heute nicht. Häufig verschlechtern Medikamente sogar die Stoffwechsellage und erhöhen das Risiko. Nur durch nachhaltige Lebenstiländerungen ist eine angemessene Umstellung des Stoffwechsels und Behandlung der Erkrankung möglich. Wie ist eine Lebensstilumstellung zu erreichen?
4
Herr Prof. Dr. M.J. Müller (Kiel) berichtete über erste Ergebnisse der Kieler Adipositaspräventionsstudie. In dieser großen Untersuchung wird durch Interventionen in Schulen und auch in Familien übergewichtiger Kinder versucht, die Umsetzung einer gesunden Lebensweise auf den verschiedenen Handlungsebenen (Schule, Familie) zu ermöglichen. Die Ergebnisse zeigen erste Erfolge (verbesserte Lebensmittelauswahl, mehr Bewegung, bessere körperliche Entwicklung der Kinder). Gesundheitsförderung und Prävention sind möglich, sie brauchen aber zukünftig noch mehr gesellschaftliche Unterstützung.
5
Herr Prof. Dr. W.D. Gerber (Kiel) sprach über Lebensqualität bei chronisch kranken Kindern. Fast jedes 3. Kind leidet an einer chronischen Erkrankung (wie Asthma, Allergien, Neurodermitis oder Kopfschmerz). Lebensqualität und Entwicklung werden dadurch beeinträchtigt. Die Erkrankungen erfordern einen integrativen und interdisziplinären Behandlungsansatz, welcher in Kiel im Rahmen eines Modellprojektes mit der AOK praktiziert wird. Dabei ist die Verhaltensumstellung und langfristig nicht die medikamentöse Behandlung entscheidend für die Behandlung der Erkrankung und die Verbesserung der Lebensqualität.
6
Prof. Dr. J.C. Barefoot (Durham, USA) betonte die häufig unterschätzte Bedeutung depressiver Symptome für das Entstehen und den Verlauf der koronaren Herzerkrankung. Zeichen einer Depression sind häufig bei chronisch Kranken. Dabei sind offensichtlich besonders leichte Symptome der Erkrankung bedeutsam. Diese betreffen insbesondere jüngere Patienten, bei denen der Verlauf der Herzerkrankung durch die gleichzeitige Depression deutlich verschlechtert wird. Die genauen Zusammenhänge sind heute noch unklar. Sie erfordern aber einen über die medizinische Behandlung hinausgehenden Ansatz.
7
Prof. Dr. W. Schlicht (Tübingen) beleuchtete den Begriff des Lebensstils. Dieser ist eine Organisationsform des Alltags, welche die Bereiche Ernährung und Bewegung, das Freizeitverhalten sowie Meinungen und Einstellungen umfaßt. Der Lebensstil ist in andere Kathegorien des Alltagslebens (z.B. die soziale Situation, Bildung) eingebunden. Eine beliebige Wahl des Lebensstils ist deshalb nicht möglich. Der Schritt zu einer Lebenstiländerung verläuft in verschiedenen Phasen. Er beginnt mit einer eher allgemeinen Einschätzung des gesundheitlichen Problems und endet mit der Aufrechterhaltung einer aktiv veränderten Verhaltensweise. Auf jeder Stufe sind "Rückfälle" möglich, welche einen Neuanfang erfordern. Der schwierige Entscheidungsprozeß erklärt die unterschiedlichen Ergebnisse sogenannter Lebensstilprogramme.
8
Herr Prof. U. Tönnesmann (Todtmoos) konnte dann aber deutlich machen, daß eine Rehabilitationsmassnahme in einer Klinik für Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung für den größten Teil der Patienten möglich und dann auch wirksam ist. Lebensstiländerung führt zu einer deutlichen Senkung z.B. der Cholesterinspiegel oder des erhöhten Blutdrucks. Eine gleichzeitige medikamentöse Behandlung ist nicht notwendig. Die gelegentlich gegen eine Rehabilitation vorgebrachten Argumente, daß eine Lebensstiländerung nur kurzfristig wirksam ist, spricht nicht gegen die Massnahme selbst. Der Einwand belegt, daß wirksame Nachbehandlungskonzepte, welche eine langfristige Beibehaltung eines gesunden Lebensstils ermöglichen, notwendig sind.
Zusammenfassend ist offensichtlich, daß ein gesunder Lebensstil die wirksamste Prävention und auch Behandlung von Zivilisationserkrankungen (wie Herz-Kreislauferkrankungen, Stoffwechselerkrankungen) darstellt. Angesichts der Häufigkeit dieser Erkrankungen erscheint der Gewinn an Gesundheit und Lebensqualität nach einer Lebensstilumstellung für die betroffenen Patienten enorm groß. Die langfristigen Konsequenzen für unser Gesundheitswesen sind beträchtlich. Die Kenntnis der praktischen Grenzen von Gesundheitsförderung und Prävention erfordert eine weitere Verbesserung der bestehenden Konzepte. Gesundheitsförderung und Prävention bleiben eine große Herausforderung nicht nur für die Veranstalter sondern auch für alle Teilnehmer des Symposiums.
Prof. Dr. H. Rieckert,
Prof. Dr. J.P. Jansen und
Prof. Dr. M.J. Müller